Das sterbende Kind

von Ramiye aus der Kategorie Traurige Texte
und wurde am 24.12.2011 um 21:46:00 eingetragen.

Schreie Hilfe
und niemand hilft.

Schreie "du da!"
und niemand ist "du da".

Schreie Notfall
aber nicht in ihren Augen.
Schreie Sterbe!

Und Abends auf dem Sofa, die Alten und die Jungen starren entsetzt auf den Fernseher. Die Frau in rosaroter Bluse erzählt von einem Mädchen, von unserem Mädchen. Es starb auf der Straße unter tausenden von Menschen, die hätten helfen können.
Aber was wichtig war musste man erledigen, denn was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen und weil heute noch was ansteht, sonst ist es zu spät.
Und da war der Eintopf für den Mittag vielleicht wichtiger als das sterbende Kind. Denn es war zu viel zu tun, zu viel zu tun und Zeit ist Geld, ja Zeit ist Geld! Zeit ist Geld, Zeit ist Geld, Zeit ist Geld! Und weil Zeit Geld ist will jeder noch alles heute besorgen, denn was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen, weil Zeit Geld ist und Geld Zeit ist und alles nur für Große sinnvoll ist und richtig.
Und das sterbende Kind, von Aasfressern zerfressen, denn es schrie sich die Seele aus dem Leib. Aber Zeit ist Geld! Und was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Und Kinder schreien immer! Gott, wie nervig! Tag und Nacht!!

Aber.. hast du die Wunden nicht gesehen?
Hast du die Verzweiflung nicht gesehen?
Hast du die Angst nicht gesehen?

Pappalapapp!

Und da war das kaputte Fenster vielleicht wichtiger als das sterbende Kind. Und die, die nichts hören wollen, stellen vielleicht den Fernseher aus, denn ihre Probleme sind ehe viel wichtiger, die Frau, die sich geschnitten hatte und das Kind mit der drei in Deutsch. Aber wahrscheinlich sind der Schnitt und die Note wichtiger als das sterbende Kind. "Ist nicht unsers, unser Kind, soll's doch machen zu was es bestimmt!"
Doch da ist keine Bestimmung, keine Zukunft, denn mit "Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen" und "Zeit ist Geld, Geld ist Zeit" kann sie nichts mehr anfangen. Und weil der reiche Schnösel seine Zeit zu Geld gemacht hat und weil er das was er besorgen musste nicht auf morgen verschob, isst er jetzt vom Feinsten. Und weil das Kind nur geliebt werden wollte, isst es jetzt Dreck!
Das sterbende Kind, das sterbende Kind! Die Aktenordner kannte sie, kannte sie viel zu gut. Papa hatte nie Zeit für sie und jetzt lag sie im eignen Blut. Und während des dämmert und sie sieht die Sonne untergehen. Sie gibt ihm noch eine Sache zu verstehen. Er hatte als Vater versagt und Mama war weg, siehst du Papa, wie dein Kind verreckt?!
Doch da war der Kunde im Laden vielleicht wichtiger als das sterbende Kind. Und der Eintopf und das Fenster und die Noten und der Schnitt. Ein Kuss, eine Umarmung? Zu viel verlangt. Denn da war der Eintopf, das Fenster, die Noten und der Schnitt vielleicht wichtiger als das sterbende Kind.

Schreie Lieb mich
Aber Menschen können damit nichts mehr anfangen.
"Was ist Liebe, kann man es kaufen?"

Schreie Vater
Aber er hört nichts, denn er telefoniert.

Schreie Mama
und jeder dreht sich um. Mama. Unbekanntes Wort.
Welche der Frauen nennt das Kind Mama? Die Hebamme, die die's austrägt oder die Erzieherin?

Und da war die Suche nach der Bedeutung vielleicht wichtiger als das sterbende Kind.
Und deswegen erliegt das sterbende Kind.


Auf der Suche nach ein wenig Liebe.


Kommentare

Es gibt einen Kommentar zu diesem Text


Nahia schrieb am 27.04.2012 um 18:56 Uhr folgenden Kommentar:

Guter Text. Wurde durch ihn an unsere "wundervolle" Konsumgesellschaft erinnert. Nahia

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